Josef Wilhelm Julius Cremer
Ein Nichtdortmunder entwickelt die zweitgrößte Privatbrauerei Dortmunds
Von Barbara Gerstein

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Geheimrat Josef Cremer (1845 - 1938) (Quelle: WWA)Josef Cremer wurde am 3. März 1845 als ältestes von fünfzehn Kindern geboren und verlebte seine Kindheit im elterlichen Hause an der Stever in Lüdinghausen. Bis 1864 besuchte Cremer das Gymnasium Paulinum in Münster. Unmittelbar nach der Schulzeit unternahm er eine längere Studienreise nach England, Belgien und den Niederlanden, um Sprachkenntnisse zu erwerben und um mit Geschäftsfreunden seiner weitverzweigten Familie Kontakte aufzunehmen. Eine kaufmännische Ausbildung erhielt er als Volontär bei der Firma Eisenwerk Cosack & Co. in Hamm, mit deren Inhabern er verwandt war. Seine Wanderjahre führten ihn 1868 für einige Zeit in das englische Stahlzentrum Sheffield.

Nach zwanzig Jahren erfolgreicher Geschäftstätigkeit im Ausland kehrte Cremer jetzt nach Deutschland zurück. Im März 1889 kaufte er die von seinen Vettern Gustav Thier und Ludwig Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim gegründete Dortmunder Brauerei Thier & Co. und verhinderte damit die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft. Er verlegte nun seinen Wohnsitz von Brüssel nach Dortmund. Die Brauerei "von Hövel, Thier & Co." war 1854 durch den Gewerken Wilhelm von Hövel, Cremers Onkel Gustav Thier und den Stadtrat Heinrich Sonnenschein ins Leben gerufen worden.

Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Josef Cremer am 6.2.1922 (Quelle: WWA)Es war in Dortmund das zweite nicht aus einer traditionellen Hausbrauerei hervorgegangene Brauunternehmen und war nach zeitgenössischem Verständnis mittelständisch geprägt. Es stand 1869 unter den neun modern, also "baierisch" brauenden Betrieben an vierter Stelle.1886/87 verzeichnete man einen Ausstoß von 40 000 hl, die größte Dortmunder Brauerei von Overbeck produzierte zum Vergleich 100 000 hl Bier.

Gleich im ersten Jahr seiner Tätigkeit ließ Cremer ein neues Sudhaus errichten. Es folgte innerhalb kurzer Zeit die Stilllegung der veralteten Betriebsgebäude und die Errichtung neuer leistungsfähiger Betriebsanlagen am Hohen Wall, die über Dampfkessel und Eismaschinen verfügten. Cremers Marktgespür ließ ihn rasch vom Eisen- und Stahlgrossisten zum Brauunternehmer werden. Gegenüber technischen Neuerungen stets aufgeschlossen stellte er bei steigender Flaschenbiernachfrage um die Jahrhundertwende in Nordwestdeutschland auf die erste Abfüllmaschine, die nach dem amerikanischen System Colby funktionierte, um.

Den Konkurrenzkampf der Dortmunder Brauereien untereinander und ebenso jenen gegen die Wiener und böhmischen Importe bestand er bestens, wie man am steigenden Ausstoß von 100 000 hl im Jahr 1900 auf 150 000 hl im Jahr 1913 ablesen kann. Als Abwehr gegen böhmisches Bier produzierte die Thier Brauerei als erste ein dem böhmischen Pilsener ähnliches sogenanntes Dortmunder Bitterbier.

Ansicht der Dortmunder Thier-Brauerei in einer historischen Fotogravur des Leipziger Werbeateliers Eckert und Pflug, 1909 (Quelle: WWA)Im Sommer 1909, Cremer war nun 65 Jahre alt, traten seine drei Söhne, Dr. jur. Arnold Cremer (1875-1958), der spätere belgische Konsul Leon Cremer (1877-1951) und der Kaufmann Paul Cremer (1880-1948), in die Leitung der Thier Brauerei ein. Wie der Vater verfügten sie über langjährige Erfahrungen im Ausland. Dr. Arnold Cremer übernahm wichtige Aufgaben in Brauereiverbänden und Aufsichtsräten anderer Unternehmen. Josef Cremer hatte sich in dieser Richtung weniger engagiert, war allerdings einige Jahre Vorsitzender des 1898 gegründeten Verbandes Dortmunder Bierbrauer und hatte gute Kenntnisse der regionalen Verhältnisse. Die Malzkontingentierungen und die Zwangsbewirtschaftung im Ersten Weltkrieg sowie die wirtschaftlichen Krisen während der Weimarer Republik führten dazu, dass erst 1930 mit einem Ausstoß von 300 000 hl der Vorkriegsstand wieder erreicht wurde.

Zu seinem 85. Geburtstag wurde Josef Cremer die goldene Plakette der Stadt verliehen. Im Kreise seiner großen Familie verstarb er im hohen Alter von 93 Jahren am 1. Januar 1938 in seinem Hause auf der Martinstraße und fand seine letzte Ruhe im Mausoleum auf dem Südwestfriedhof.





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