"... etwas Schönes schaffen."
Beispiele Dortmunder Brauereiarchitektur zwischen 1854 und 1927
Von Jürgen Kuckelke

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Aufriss des Sudhauses der Thier-Brauerei von 1907 (Quelle: WWA)Mit dem Übergang zur untergärigen Brauweise Mitte der 1840er Jahre und dem Einsatz der Dampfkraft zehn Jahre später setzte ein Wandel im Dortmunder Brauwesen ein, der sich in den 1870er Jahren weiter beschleunigte. Die komplexer werdenden Betriebsanlagen mit differenzierten Gebäuden benötigten zunehmend größere Flächen für die hinzukommenden Arbeitsprozesse, wodurch sich das Gesicht der Brauereien stark veränderte. Die Brauereien brauchten nun Kessel- und Maschinenhäuser sowie Gär- und Lagerkeller.

Heinrich Wenker ließ im Jahre 1871 auf der Kronenburg eine neuzeitliche Großbrauerei nach den Entwürfen des Architekten A. Einenkel aus Chemnitz errichten. Das viergeschossige Hauptgebäude barg das Sudhaus und die Mälzerei. Die Verwendung fortifikatorischer Stilmerkmale bezeugt eine ästhetische Zielsetzung und zeigt, dass ein "Abbildenwollen" neben das konstruktive Denken getreten ist.

Der Sudraum der Thier-Brauerei in einer Fotografie um 1924 (Quelle: WWA)
An der Rheinischen Straße entstand für die Dortmunder Actien-Brauerei 1898/99 ein Sudhausneubau durch den Dortmunder Maurermeister und Bauunternehmer Hermann Beckmann, der bis 1901 weitere Baumaßnahmen ausführte, z. B. den Bau einer Schwankhalle zum Abfüllen des Bieres und eine Bürohauserweiterung. Im Rahmen der Sudhauserweiterung von 1914 findet sich in den Bauakten seitens der Betriebsleitung der Dortmunder Actien-Brauerei eine aufschlussreiche Aussage hinsichtlich des Gestaltungswillens. Nachdem das Bauamt die Gebrauchsabnahme der Sudhauserweiterung wegen der nicht feuersicheren Buntglasfenster verwehrte, stellte die Dortmunder Actien-Brauerei einen Ausnahmeantrag, worin es hieß: "Bei der Errichtung des Sudhauses und Anbaus haben wir keine Kosten gescheut, um etwas Schönes zu schaffen und bitten deshalb nochmals ganz ergebenst, von der allzu harten Auferlegung Abstand zu nehmen; durch die feuersichere Verglasung würde die ganze Wirkung des Baus vernichtet." Zu guter Letzt wurde der Antrag bewilligt.

Betriebsansicht der Hansa-Brauerei im Jahre 1952 aus süd-östlicher Richtung (Quelle: WWA)Die Brauereien strebten eine einheitliche Gestaltung der einzelnen Gebäude an. Die Thier-Brauerei wählte für die gesamte Anlage einen mittelalterlichen Formenapparat. Erst mit dem Sudhausneubau von 1907 durchbrach man mit der Wahl des modernen Jugendstils diese Einheitlichkeit, was die dominierende Stellung des Sudhauses unterstrich. Unter der Firmenleitung des Kunstfreundes und Mäzens Josef Cremer entwarfen die Dortmunder Architekten Schmidtmann & Klemp den prächtigen Sudhausneubau. Die Bauausführung unterlag dem ebenfalls in Dortmund ansässigen Bauunternehmer Franz Schlüter.

Im Jahre 1912/13 errichtete die Dortmunder Actien-Brauerei einen notwendigen Kellerneubau über den alten Lagerkellern. Die architektonische Gestaltung stammte von den Dortmunder Architekten D. & K. Schulze. Auf der Nordwestseite des Geländes entstand ein gewaltiger 34 m hoher Gär- und Lagerkeller in Eisenbeton mit einer Grundfläche von 1650 qm. Im 17 m hohen Dachgeschoss, standen die großen Kühlschiffe, darunter im zweiten Stock befanden sich das moderne Laboratorium, die Hefereinzuchtanlage, Kaltluftkammern und Bierkühlapparate.

Das Union-Hochhaus in den frühen 1950er Jahren (Quelle: WWA)Die starke Steigerung des Bierabsatzes der Dortmunder Union-Brauerei im Jahre 1925 erforderte eine erhebliche Erweiterung der Gär- und Lagerkeller. Wie bei der Dortmunder Actien-Brauerei war auch das in Nachbarschaft gelegene Gelände der Dortmunder Union-Brauerei an drei Seiten von Straßen und im Norden von Gleisen begrenzt. Im März 1926 begann die beauftragte Firma Emil Moog aus Dortmund mit der Planung. Die Ausführung der Betonarbeiten übernahm die Dortmunder Bauunternehmung Wiemer & Trachte.

Das Kellerhochhaus ist in zwei architektonisch unterschiedlich gestaltete Baukörper gegliedert. Der um ein Geschoss höhere südliche Teil mit der repräsentablen Krone setzt sich als eigentlicher Turm vom nördlichen Teil mit dem flachen Dach ab. Während der südliche Teil mit den relativ kleinen, zu Bändern zusammengefassten Fenstern eine Horizontalisierung erfährt, ist der nördliche Teil durch Betonung der Fensterachsen vertikalisiert. Die Hochhauskuppel sollte etwas Besonderes werden. Die Stadt Dortmund verlangte, die Gestaltung der Kuppel mit zu entscheiden, denn in Nähe zum Hauptbahnhof sollte das zu errichtende Gebäude das Stadtbild prägen. Zu Reklamezwecken beleuchteten bei Dunkelheit 67 Scheinwerfer die riesige Dachkuppel, die ein drehbarer, elektrisch betriebener Scheinwerfer krönte, der zu einem Wahrzeichen der Stadt wurde.

Ohne Frage hat auch die Hansa Brauerei mit dem ebenfalls sehr sachlich gehaltenen Kellerhochhaus von 1927 städtebauliche Akzente gesetzt. Der Entwurf stammt von D. & K. Schulze. Die Bauausführung übernahm F. Schlüter. Der verklinkerte Bau ist sehr nüchtern gestaltet und wirkt durch die Verteilung der quaderförmigen Baumassen. Bereits 1912 hatte Emil Moog im Stil des Historismus einen eindrucksvollen Gesamtkomplex aus Sudhaus, Maschinen- und Kesselhaus an der Betriebszufahrt errichtet, wobei der Formenapparat des Sudhauses die Anlage hierarchisiert. Das Sudhaus der Hansa-Brauerei ist das einzige seines Alters, das in Dortmund noch komplett erhalten ist. Es steht seit 1989 unter Denkmalschutz. Es wurde bei allmählicher flächenmäßiger Expansion des Brauereibetriebes zugebaut, und der Gärkeller von 1927 wurde zum neuen architektonisches Markenzeichen.


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