"Fabrik im Ornament"
Dortmunder Brauereien auf historischen Firmenbriefbögen
von Gabriele Unverferth

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Briefkopf der Dortmunder Linden-Brauerei, 1886 (Quelle: WWA)Das massenhafte Auftreten der mit Firmenansichten illustrierten Briefbögen seit den 1840er Jahren war eine Begleiterscheinung der Industrialisierung. Die industrielle Produktion und die Ausweitung der Absatzgebiete ließen den geschäftlichen Korrespondenzverkehr stark anwachsen.

Vorgedruckte Rechnungsformulare, Lieferscheine, Frachtbriefe, Preislisten und Briefbögen erleichterten und rationalisierten das Geschäft, boten aber auch die Gelegenheit, für das Unternehmen zu werben und durch einen repräsentativen "Auftritt" beim Geschäftspartner Wirkung zu erzielen. Das Ende des 18. Jahrhunderts von Alois Senefelder entwickelte neue und preiswerte Druckverfahren der Lithographie eröffnete dabei schier unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Bildliche Darstellungen, Signets, Warenzeichen, Schutzmarken, Schmucklinien und Verzierungen konnten mit Schriftzügen jeder Art und Größe frei kombiniert werden.

Briefkopf der Dortmunder Actien Brauerei vorm. Herberz & Co., 1874 (Quelle: WWA)Der Briefkopf wird zur Visitenkarte, zum Aushängeschild des Unternehmens; er spiegelt Selbstverständnis, Selbstbewusstsein und Repräsentationswillen des industriellen Unternehmertums. Die mehr oder weniger ausgeschmückte Ansicht des Werks demonstriert Größe, Prosperität und Solidität der Firma. Die Architektur wird werbewirksam ins rechte Licht gerückt, wobei die Darstellung nicht immer mit der Realität übereinstimmt. Rauchende Schornsteine zeigen nicht nur an, dass im Betrieb "feste gearbeitet" wird; wie die vorüberdampfenden Eisenbahnen symbolisieren sie Modernität, technischen Fortschritt und industrielle Dynamik. Abbildungen von Preismedaillen und Ehrenzeichen schließlich künden von der Qualität der Produkte und vom Stolz des Unternehmers auf die eigene Leistung.





Briefkopf der Dortmunder Exportbier-Brauerei Phönix, 1888 (Quelle: WWA)Selbstverständlich nutzten auch die Dortmunder Brauereien die lithographierten Geschäftsdrucksachen als Mittel der Selbstdarstellung. Einige beschränkten sich dabei auf einen dekorativen Schriftzug und/oder die Wiedergabe ihres Markenzeichens, aber die meisten wählten doch früher oder später eine Firmenansicht als Blickfang.

Ein typisches Dortmunder Symbol, der Wappenadler, ziert den Briefkopf der Dortmunder Actien-Brauerei von 1874, der fast die Hälfte des gesamten Rechnungsformulars einnimmt. Ohne schmückendes Beiwerk präsentiert sich hier ein industrielles Großunternehmen, das den Kunden durch die Monumentalität und Weitläufigkeit der abgebildeten Betriebsanlagen zu beeindrucken sucht.


Briefkopf der Brauerei Ross & Co., 1904 (Quelle: WWA)

Eine Fülle dekorativer Elemente prägt dagegen den Briefkopf der Dortmunder Exportbier-Brauerei "Phoenix", die 1897 mit der nahe gelegenen Germania-Brauerei fusionierte und 1908 die Produktion einstellte. Hopfengirlanden und Gerstenähren umrahmen die ovale Firmenansicht (Vogelperspektive) und die mit Vorder- und Rückseite wiedergegebene Silbermedaille, die das Unternehmen 1886 auf einer internationalen Ausstellung in Liverpool errungen hatte. Derartig üppig geschmückte Geschäftsdrucksachen, aufwändig-repräsentative Firmenporträts, sind in den 1880er und 1890er Jahren vielfach anzutreffen.

Allerdings ist bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert eine gegenläufige Tendenz in der Gestaltung zu beobachten: Der Briefkopf wird wieder schlichter, die Firmenansicht kleiner; aus ihrer dominierenden zentralen Position rückt sie häufig an den Rand.



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