"Noch vier Wochen solches Wetter und die Herren Brauer
werden fleißig Angst haben und Maschinen bestellen."

Zur Geschichte der Kältetechnik in der Dortmunder Brauwirtschaft im 19. Jahrhundert
Von Irene Rumpler

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Kühlapparat in der Dortmunder Stifts-Brauerei um 1925 (Quelle: WWA)Lange Zeit waren die Brauereien ohne künstlich herbeigeführte Kälte ausgekommen. Erstens benötigte der Brauprozess für das weit verbreitete obergärige Bier nicht so niedrige Temperaturen wie der für das untergärige Bier. Zweitens genügten den Brauern für die von ihnen hergestellten Mengen ihre unterirdischen Lager- oder Felsenkeller mit zumeist relativ konstanten Temperaturen in den Bereichen, die man für diese saisonal bedingte Produktion benötigte.

Erst die Kapazitätsausweitungen im 19. Jahrhundert führten zur Anlage von Kellern und Lagergebäuden, die zunehmend der Natureiskühlung bedurften. In der wärmeren Jahreszeit wurden nur bestimmte Schankbiere gebraut und zumindest in Bayern war das Brauen von Lagerbier im Sommer schlichtweg verboten. Das besser haltbare Lagerbier, das sich ausgehend von Böhmen über Bayern zur bevorzugten Biersorte in den deutschen Ländern entwickelte, bedurfte niedrigerer Temperaturen. Diesen konnte man trotz steigender Kapazitäten mit entsprechenden Gär- und Lagerkellern und der Natureiskühlung zunächst entsprechen. Eis gehörte zur Bevorratung der Verbrauchsmaterialien dazu und wurde entsprechend kalkuliert.

Bereits im März 1881 hatte der Aufsichtsrat der Dortmunder Actien-Brauerei auf den Vorschlag ihres Direktors Schleissing hin die Erneuerung der Balkenanlage für die Kühlschiffe durch eine eiserne Unterkonstruktion, die Anlage einer Fasshalle und die Umdeckung des Daches beschlossen. In der darauf folgenden Sitzung wurde die Erweiterung des oberirdischen Eiskellers und die Regelung der Abwasserangelegenheit mit dem Magistrat der Stadt Dortmund ins Auge gefasst.

Gärkeller in der Union-Brauerei, 1920er Jahre (Quelle: WWA)Zu diesen gezielten Maßnahmen einer Kapazitätsausweitung gehörte zwangsläufig die Anlage einer Eismaschine. Deshalb wurde Carl Linde zu der Sitzung am 3. September 1881 persönlich eingeladen. Nach eingehender Diskussion wurde der Beschluss gefasst, "eine solche Einrichtung nach dem vorliegenden Project- und Kostenvorschlage zu machen und zwar in Höhe von M. 45.970,-." Schleissing wurde beauftragt, sowohl einen Vertrag mit der Gesellschaft für Lindes Eismaschinen zu schließen, als auch eine Offerte für die weitere Einrichtung einer Dampfkesselanlage einzuholen.

In den 1880er Jahren wiesen die Dortmunder Actien-Brauerei, die Löwenbrauerei und 1889 auch die Germania Brauerei Eismaschinen von der Gesellschaft Linde aus. Die Dortmunder Union-Brauerei arbeite zunächst mit zwei, ab 1886 dann mit drei Kühlmaschinen nach dem System Osenbrück. Die Dortmunder Brauereienlandschaft spiegelte also in den Jahren bis 1913 den differenzierten Markt der Kältemschinenhersteller und ihrer teils ähnlichen, teils unterschiedlichen Syteme wider.


Gär- und Lagerkeller mit Natursteinkühlung (Quelle: WWA)Ab den 1860er Jahren hatten sich zunehmend deutsche Ingenieure für die Kältetechnik interessiert und meldeten erste Patente auf Kältemaschinen in den einzelnen deutschen Ländern an. Orientierungsmaßstab für die Beschäftigung mit dem Thema der künstlichen Kälte bildeten dabei ausländische Veröffentlichungen. Besonders nach der Londoner Weltausstellung von 1862 wurden Kältemaschinen, u. a. die von Carré, in deutschen technischen Zeitschriften intensiv besprochen. Auch der Verein Deutscher Ingenieure widmete sich ab 1864 dem Thema.

Linde gelang der eigentliche Durchbruch mit seinem Patent auf eine Ammoniak-Kältemaschine im Jahr 1876. Sein Kundenkreis blieb vorrangig die Brauindustrie. Linde verfügte bis 1890/91 nicht über ein eigenes Labor. Mangels eigener Betriebsstätten und Laboreinrichtungen machte er es sich zum Prinzip, bei den späteren Anwendern unter den jeweils geltenden Bedingungen selbst die Anlagen zu installieren oder von Ingenieuren der eigenen Gesellschaft installieren zu lassen, diese zu erproben und den Gegebenheiten in mitunter langen Experimentierphasen anzupassen, wozu auch das Anlernen der Maschinisten gehörte.

Atmungsapparat (Quelle: WWA)Wie innovativ und wirtschaftlich bedeutend die Einführung der modernen Kältetechnik für die Dortmunder Brauwirtschaft war, belegt ein Blick auf die Produktivität. In zehn von 44 Dortmunder Braustätten waren Kältemaschinen im Einsatz, auf diese entfiel aber etwa die Hälfte des gesamten Bierausstoßes im Dortmunder Raum. In der Regel waren es die kapitalkräftigsten Aktiengesellschaften, die sich diese teuren Anlagen leisten konnten. So wurden auch schon in der technischen Betriebsausstattung die Weichen für jenen rasanten Konzentrationsprozess gestellt, der nach dem Ersten Weltkrieg einsetzte.







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