Von Dortmund in die Welt: Der Bierexport
Von Heinrich Tappe

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Dortmunder Bieretiketten für Exportbier (Quelle: WWA)Dynamik und Ehrgeiz der Dortmunder Brauwirtschaft in der Zeit der Hochindustrialisierung lassen sich vielleicht am besten ermessen, wenn man auf die Entwicklung des Bierexports schaut. Spielte das Auslandsgeschäft noch in den 1870er Jahren kaum eine Rolle, gilt die Stadt bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts als eine der Hochburgen deutscher Bierausfuhr. Erstaunlich ist dabei nicht allein das Tempo, sondern die Tatsache, dass sich diese Entwicklung vor dem Hintergrund eines enormen Bevölkerungswachstums in der Stadt und den Industrierevieren der Region vollzog, das für sich genommen den Brauereien schon genügend Expansionschancen zu bieten schien. Zudem fehlte es hier im Unterschied etwa zu Bremen, Hamburg oder einigen fränkischen Städten an einer Export-Tradition.

Erste tastende Versuche, Auslandsmärkte zu erschließen, lassen sich seit der Mitte der 1860er Jahre beobachten. Stärker scheint die Ausfuhr vor allem seit dem Ende der 1870er Jahre in Schwung gekommen zu sein, als sich die Dortmunder Actien-Brauerei und später die Dortmunder Union-Brauerei auf das Terrain jenseits der Reichsgrenzen vorwagten. Diesen Vorstoß im Zusammenhang der im Anschluss an den "Gründerkrach" aufbrechenden, langanhaltenden Wirtschaftskrise zu sehen, die den Bierverbrauch in Deutschland seit 1876 drastisch sinken ließ, scheint nahezuliegen.

Tatsächlich beeinträchtigte der Niedergang des Konsums die Dortmunder Brauwirtschaft insgesamt offenbar jedoch nur wenig. Ihre Produktion stieg jedenfalls zwischen 1874 und 1880 deutlich an, und zwar um 125 % von 160.000 auf 360.000 hl. Der Weg in den Export schien vielmehr sowohl aufgrund des Standorts wie der besonderen Konkurrenzdichte moderner Brauereien vorgezeichnet. Die Niederlande wurden bald vor Belgien und Frankreich zu dem wichtigsten Ausfuhrmarkt Dortmunder Brauer.

Brauer in den USA warben missbräuchlich mit dem Markenzeichen Dortmunder Bier (Quelle: WWA)Dortmunder Export fand seinen Weg seit den 1880er Jahren vermehrt auch nach Übersee und verbreitete den Namen der Stadt auf dem amerikanischen Kontinent ebenso wie in afrikanischen Kolonien, in Asien oder Australien. Vergleichbar dem "Pilsener" oder "Münchener Bier" erlangte das "Dortmunder" schon vor dem Ersten Weltkrieg einen übernationalen Markenstatus. Seine Bekanntheit etwa in den USA belegt ein Warenzeichenprozess, den die Dortmunder Hansa-Brauerei und die Dortmunder Actien-Brauerei in den 1930er Jahren gegen die Berghoff Brewing Corp. im Staate Indiana führten. Vor dem amerikanischen Patentamt konnte der Vertrieb Dortmunder Biere in den USA seit 1895 nachgewiesen werden.

Der Erste Weltkrieg brachte das Exportgeschäft für nahezu ein Jahrzehnt fast völlig zum Erliegen. Trotz der Belastungen und Unterbrechungen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen gelang es im Laufe der zwanziger Jahre, die Ausfuhr erneut anzukurbeln. Der Markt gestaltete sich allerdings wesentlich schwieriger als vor dem Krieg. Europa erlebte eine ungewöhnliche Baisse im Verbrauch alkoholischer Getränke. Überdies hatten sich die USA seit 1919 die Prohibition verordnet.

Deutsches Restaurant in Paris mit Werbung für Dortmunder Bier (Quelle: WWA)Mit deren Ende rückte auch der US-amerikanische Markt wieder in das Blickfeld. Vor allem die Dortmunder Actien-Brauerei und die Dortmunder Union-Brauerei investierten in den Versuch, hier stärker Fuß zu fassen. So lieferte man Flaschenbier mit dem in den USA üblichen Kronkorkenverschluss, der in Deutschland den Bügelverschluss erst dreißig Jahre später ersetzen sollte. Die Dortmunder Actien-Brauerei gründete in Kooperation mit der Pschorr Bräu AG eine Marketing- und Vertriebsgesellschaft in den USA und investierte erhebliche Mittel in einen Auftritt auf der Weltausstellung in New York 1939. Die kostspielige Aktion erwies sich nicht erst mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im August als Fehlschlag.

Als der Krieg endete, schien eine Renaissance Dortmunder Bier-Exporte undenkbar. Nach dem Wiederaufbau jedoch erarbeitete sich die städtische Brauwirtschaft nicht nur auf dem Inlandsmarkt, sondern auch bei der Ausfuhr ihre größten Erfolge. So belieferte die Dortmunder Actien-Brauerei auf dem Höhepunkt ihrer Frankreich-Offensive in den sechziger und siebziger Jahren über 300 Gaststätten in Paris. In den nachfolgenden Jahrzehnten gestaltete sich der Exportmarkt für die Dortmunder Brauer jedoch zusehends schwieriger. Gerade ihre "klassischen" Ausfuhr-Zielländer Belgien, Frankreich und die Niederlande entwickelten sich zur Heimat der größten europäischen Braukonzerne.


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